Klärwerk.info / Fachwissen / Abwasserreinigung / Schlecht absetzbare Belebtschlammflocken – Ursachen und Lösungen
Schlecht absetzbare Belebtschlammflocken – Ursachen und Lösungen
Das Belebtschlammverfahren ist das am weitesten verbreitete Verfahren zur Reinigung kommunaler Abwässer. Die Qualität des Ablaufwassers hängt sehr stark von der Effizienz der Fest/Flüssig-Trennung im Nachklärbecken ab. Diese ist nur hoch, wenn die Bildung von Belebtschlammflocken im Belebungsbecken ungestört funktioniert. Im Zuge der weitergehenden Abwasserreinigung ist auf Kläranlagen die Stickstoff- und Phosphorelimination eingeführt worden. Besonders für die Optimierung der Nitrifikation ist der Parameter „Säurekapazität“ von großer Bedeutung, da die nitrifizierenden Bakterien Säure produzieren. Verfügt das Abwasser nicht über eine ausreichend hohe Säurekapazität, kann der pH-Wert unter 7,0 fallen. In diesem pH-Bereich sind jedoch sowohl die Nitrifikationsleistung als auch die Belebtschlammflockenbildung stark beeinträchtigt. Doch nicht immer ist eine zu geringe Säurekapazität die alleinige Ursache für kleine, leichte und scherempfindliche Belebtschlammflocken. Fast genau so häufig sind erhöhte Natriumkonzentrationen im Zulauf für schlecht absetzbare Belebtschlammflocken (mit)verantwortlich. Wodurch entstehen schlecht absetzbare Belebtschlammflocken?
Ursache für die ungünstige Flockenstruktur ist in der Regel
die Aneinanderreihung folgender Umstände:
• Niedrige Härtegrade im Einzugsbereich der Kläranlage und/
oder ein hoher Anteil an Niederschlagswasser im Zulauf
führen zu niedrigen Calciumgehalten im Zulauf der Kläranlage.
• Der Belebtschlamm und das zufließende Abwasser kommen
in Kontakt und die Calciumionen im Schlamm und im
Wasser verteilen sich gemäß dem Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht
auf beide Fraktionen.
• Ist die Calciumkonzentration im Zulauf gering – was bei
hohem Niederschlagswasseranteil die Regel ist – wird dem
Belebtschlamm viel Calcium entzogen und gelangt in den
Vorfluter. Da das Calcium jedoch für den Zusammenhalt
der Belebtschlammflocken entscheidend verantwortlich ist,
werden die Flocken mit der Zeit immer kleiner, leichter und
scherempfindlicher.
• Aufgrund der Nitrifikation, bei der Salpetersäure (HNO3)
entsteht, wird Calcium zur Bildung von Puffersubstanzen
(Calciumhydrogencarbonat) benötigt und bei Bedarf aus
dem Belebtschlamm herausgelöst. Je mehr nitrifiziert wird,
desto mehr Calcium muss aus dem Schlamm herausgelöst
werden. Das ist vor allem dann der Fall, wenn man Trübund
Filtratwässer behandelt.
• Bei der Denitrifikation wird Lauge produziert, wodurch die
Hälfte der bei der Nitrifikation verbrauchten Säurekapazität
zurückgewonnen werden kann. Ist die Denitrifikationsleistung
aufgrund von „Futtermangel“ (Mangel an leicht
abbaubaren Kohlenstoffverbindungen) nur eingeschränkt
möglich, wird auch wenig Säure abgepuffert. Der pH-Wert
im Ablauf sinkt.
• Bei niedrigen Temperaturen löst sich Sauerstoff im Belebungsbecken
wesentlich besser als bei hohen Temperaturen.
Deshalb kann die Belüftungsintensität reduziert werden.
Infolgedessen wird jedoch auch weniger CO2 aus der Belebung
herausgestrippt und bleibt als Kohlensäure im Wasser.
Diese Kohlensäure verbindet sich ebenfalls mit Calcium zu
Calciumhydrogencarbonat und gelangt in den Vorfluter.
• Reicht das im Zulaufwasser und im Belebtschlamm verfügbare
Calcium nicht mehr aus, um sowohl die bei der
Nitrifikation entstehende Salpetersäure als auch die beim
C-Abbau entstehende Kohlensäure anzupuffern, sinkt der
pH-Wert des Abwassers, wodurch die Nitrifikation deutlich
verlangsamt wird, bis sie zum Erliegen kommt.
• Bei einem pH-Wert < 6,8-7,0 im Belebungsbecken ist das
Wasser in der Belebung in der Regel „kalkaggressiv“ und
löst alle verfügbaren Kalk- bzw. Calciumverbindungen
sowohl im Belebtschlamm als auch im Beton der BeckenBeckenwände
auf. Die gelösten Calciumverbindungen gelangen in
den Vorfluter. Mit der Zeit können so erhebliche Schäden
am Beton entstehen.
• Ohne Calciumverbindungen im Schlamm gibt es keine
wirksame Belebtschlammflocke. Der Belebtschlamm treibt
bei hydraulischer Belastung der Kläranlage in Form von
Feinsuspensa ab. Der Ablauf ist trüb, die CSB- und Ges.-PGehalte
steigen deutlich an.
• Kommt der durch oben genannte negative Einflüsse vorgeschädigte
Belebtschlamm mit Natriumionen etwa aus
industriellen Abwässern oder durch Streusalzeinsatz im
Einzugsgebiet in Kontakt, tauschen die Natriumionen die
verbleibenden Calciumionen im schlimmsten Fall innerhalb
weniger Stunden aus, sodass der Belebtschlamm vollends
seine Flockungsfähigkeit verliert.
Zusammenfassend führen folgende Faktoren zu schlecht
absetzbaren Belebtschlammflocken in Kläranlagen:
• niedrige Wasserhärte im Trinkwasser des Einzugsgebiets,
• hoher Niederschlagswasseranteil im Zulauf,
• geringe Temperaturen,
• hohe Stickstoffgehalte im Zulauf,
• Behandlung von Trüb- und Zentratwässern,
• eingeschränkte Denitrifikation aufgrund von „Futtermangel“,
• häufiger Schneefall mit Streusalzeinsatz,
• hohe Natriumgehalte im Zulauf,
• ineffektive Belüftungssysteme.
Leider treffen alle Faktoren vor allem im Winter, aber teilweise
auch im Sommer zu. Die einzige Möglichkeit, den oben
beschriebenen Teufelskreis zu durchbrechen, ist eine gezielte
Calciumzugabe mit Hilfe eines geeigneten calciumhaltigen
Produkts.
Dafür kommen folgende Kalkprodukte in Frage:
• Kreide (CaCO3),
• Kalkhydrat,
• Dolomit (CaCO3+MgCO3)
...mehr:
http://www.die-wasserlinse.de/download/ausgabe_1210/wl12_komplett.pdf
Autor:
Kirsten Sölter
Bioserve GmbH
Tel. +49 (0)6131/90622-68
soelter@bioserve-gmbh.de




