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Bundesländerspezifische Potenziale von Blockheizkraftwerken und Brennstoffzellen auf Kläranlagen in Deutschland
Dr. Markus Blesl, Michael Ohl
Klärgas, ein Nebenprodukt kommunaler Kläranlagen,
kann zur Produktion von Strom und
Wärme genutzt werden. Derzeit werden dafür
deutschlandweit mehr als 700 Blockheizkraftwerke
eingesetzt. Im Folgenden wird das technische
Potenzial der Klärgasverstromung durch
Brennstoffzellen bzw. Blockheizkraftwerke
(BHKW) in Deutschland ermittelt. Das technische
Potenzial umfasst die bei gegebenem Klärgasaufkommen
auf Kläranlagen in Deutschland
maximal installierbaren Kapazitäten der verschiedenen
Technologien zur Klärgasverstromung
und die damit gewinnbaren Strommengen.
Beispielsweise können mit dem aktuellen
Klärgasaufkommen in Deutschland1 durch den
Einsatz von Brennstoffzellen pro Jahr 1,23 TWh
Strom erzeugt werden, wodurch die Emissionen
um mehr als 700 000 Tonnen Kohlendioxid pro
Jahr (CO2/a) gesenkt werden könnten.
Die vorliegende Untersuchung ist ein Projekt
der Universität Stuttgart, durchgeführt im
Statistischen Landesamt Baden-Württemberg
im Rahmen des Forschungsdatenzentrums.
Klärgasnutzung und Stromerzeugung
in Deutschland
In über 1 100 kommunalen Kläranlagen in
Deutschland fielen im Jahr 2004 insgesamt
mehr als 4 400 GWh Klärgas an. Dieses Nebenprodukt
der Abwasserreinigung kann zur Produktion
von Strom und Wärme genutzt werden,
womit der Energiebedarf von Kläranlagen zumindest
teilweise gedeckt werden kann. Hierzu
werden derzeit auf mehr als 700 Kläranlagen
motorische Blockheizkraftwerke (BHKW) eingesetzt,
mit denen 2004 eine kumulierte Stromproduktion
von 865 GWh ermöglicht wurde.
Mit der Brennstoffzelle schickt sich nun eine
neue Technologie an, den BHKW Konkurrenz
zu machen. Im nachfolgenden Beitrag werden
die technischen Potenziale des Brennstoffzelleneinsatzes
auf deutschen Kläranlagen für einzelne
Bundesländer ermittelt. Gleichzeitig wird
auch die Frage behandelt, welche Spielräume
der etablierten BHKW-Technologie bleiben
bzw. welche Möglichkeiten des BHKW-Einsatzes
bisher ungenutzt blieben.
Um das vorhandene Potenzial der Nutzung
von Klärgas2 in Brennstoffzellen abzuschätzen,
werden alle Kläranlagen mit anaerober, das
heißt sauerstoffloser, Schlammstabilisierung
erfasst, da nur diese Klärgas produzieren.
Kläranlagen werden größenmäßig nach Einwohnerwerten
(EW) kategorisiert. Die EW-Zahl
besteht aus der Einwohnerzahl des Einzugsgebiets
und den Einwohnergleichwerten, die
unter anderem das Abwasseraufkommen aus
der Industrie beziffern. Die Kläranlagen werden
in Größenklassen von 1 (unter 1 000 EW) bis 5
(über 100 000 EW) eingeteilt. Zur besseren
Einordnung wurde die Größenklasse 4 (10 000
bis 100 000 EW) für die Potenzialbestimmung
in die Unterklassen 4a (10 000 bis 50 000 EW)
und 4bc (über 50 000 bis 100 000 EW) differenziert.
Da kleinere Kläranlagen überwiegend den
Schlamm aerob, das heißt unter Sauerstoffeinsatz
und damit ohne Klärgasanfall, stabilisieren,
kommen in Deutschland nur 1 156 von
insgesamt ca. 6 600 Kläranlagen für die Potenzialabschätzung
infrage. Auf diesen Kläranlagen
werden jährlich rund 4 400 GWh Klärgas produziert
(Tabelle 1).
Der größte Anteil der Klärgasproduktion (64 %),
der installierten BHKW-Leistung und der erzeugten
Strommengen entfällt auf die Kläranlagen
der Klasse 5. Die Klasse 4a besitzt aufgrund
der höheren Anlagenzahl eine höhere
kumulierte Klärgasproduktion als Klasse 4bc.
1 Die Werte beziehen sich
auf das Jahr 2004.
2 Angaben aus der Klärgasstatistik
in Verbindung mit
der Statistik der öffentlichen
Abwasserbehandlung
2004. Statistische
Ämter des Bundes und
der Länder; Forschungsdatenzentren,
Stuttgart,
2006.
Dr.-Ing. Markus Blesl ist Leiter
der Fachgruppe „Energiesystem-
und Technikanalyse“ am
Institut für Energiewirtschaft
und Rationelle Energieanwendung
(IER) der Universität
Stuttgart.
Dipl.-Ing. Michael Ohl ist
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
am gleichen Institut.
Bei den ersten Demonstrationsprojekten
mit der neuen Technologie
Brennstoffzelle standen noch grundsätzliche
technische Fragen im Mittelpunkt.
Mittlerweile wurden in diesen Punkten
Fortschritte erzielt, sodass nun auch die
Nutzung biogener Brennstoffe untersucht
wird. Den Anfang machte bereits im Jahr
2000 eine PAFC (phosphoric acid fuel cell,
Phosphorsäurebrennstoffzelle), die auf
einem Kölner Klärwerk installiert wurde.
In den Folgejahren wurden vor allem
MCFC (molten carbonate fuel cell, Schmelzkarbonatbrennstoffzelle)
zur Nutzung
biogener Gase installiert, zuletzt 2007 auf
einer Stuttgarter Kläranlage.
Umwelt, Verkehr,
Tourismus
Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 3/2008
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Die Klassen 1 bis 3 spielen wegen der geringen
Anzahl an Anlagen und des geringen Klärgasaufkommens
keine nennenswerte Rolle bei
der Klärgasverstromung.
Die sich aus diesen Daten ergebenden Potenziale
für den Neubau und die kapazitive Optimierung
bereits bestehender Stromerzeugungsanlagen
auf Kläranlagen werden in den
folgenden Abschnitten thematisiert.
Bestimmung des technischen Neubaupotenzials
von Anlagen zur Klärgasverstromung
Obwohl ein Betrieb von BHKW auf Kläranlagen
wirtschaftlich möglich ist, wird heute noch in
430 der betrachteten 1 156 Kläranlagen das
Klärgas höchstens zur Wärmeerzeugung in
Kesseln genutzt. Bei der Ermittlung des technischen
Neubaupotenzials werden alle Kläranlagen
ohne eigene Stromerzeugung berücksichtigt.
Als Untergrenze für die BHKW-Leistung
werden 25 kW zugrunde gelegt. Bei einer entsprechenden
Auslegung kann eine Jahresnutzung
von 7 500 Volllaststunden erreicht werden.
Unter diesen Rahmenbedingungen beträgt das
Neubaupotenzial von BHKW 34,8 MW mit einer
Stromproduktion von 261 GWh/a (Tabelle 2).
Ein besonders hohes technisches Neubaupotenzial
für BHKW ergibt sich mit 221 zusätzlichen
Anlagen für die Klasse 4a. Trotz der geringeren
Anzahl von 33 Anlagen entfällt jedoch
das größte Neubaupotenzial auf die Klasse 5
mit einer elektrischen Leistung von 16,6 MW
und einer möglichen Stromerzeugung von
122 GWh/a.
Brennstoffzellen haben zwar einen höheren
elektrischen Wirkungsgrad als BHKW, erreichen
aber wegen der höheren Mindestanlagengröße
(250 kW) nur ein ähnlich großes Neubaupotenzial
wie BHKW-Anlagen. 26 Kläranlagen ohne
Kennzahlen klärgasproduzierender Kläranlagen in Deutschland 2004
T1 nach Größenklassen
Größenklasse EW-Bereich Ausbau-EW
Anlagen Davon mit
BHKW
Klärgasproduktion
Inst. BHKWKapazität.




