Klärwerk.info / Nützliches / Allgemeine Meldungen und Berichte / Ergebnisse zur Bewertung der (organischen) Schadstoffbelastung von kommunalen Klärschlämmen
Ergebnisse zur Bewertung der (organischen) Schadstoffbelastung von kommunalen Klärschlämmen
Auswertung eines Untersuchungsprogramms von 2006 - 2008 in Schleswig-Holstein
Zusammenfassung
Die
landwirtschaftliche Klärschlammverwertung hat in Schleswig-Holstein
nach wie vor einen hohen Stellenwert, da rd. 80% der kommunalen
Klärschlämme aus Schleswig-Holstein regelmäßig zur Düngung
eingesetzt werden. Diese Verwertungsform ist in der öffentlichen
Diskussion umstritten, da Klärschlamm als Schadstoffsenke der
Abwasserreinigung gilt und mit einer Vielzahl von Schadstoffen
belastet sein kann. Hierbei wird zunehmend neben der Belastung mit
Schwermetallen die Belastung mit organischen Schadstoffen diskutiert,
deren ökotoxikologisches Verhalten im Boden zum Teil noch unbekannt
ist. Nur für einen Teil der Schadstoffe existieren Grenzwerte,
genormte Analysenvorschriften und umfangreiche Kenntnisse zum
Verhalten in der Umwelt, während für andere ein deutlicher
Kenntnismangel vorliegt und zudem noch keine Grenzwertregelungen
existieren.
Vor dem Hintergrund dieser Diskussion sowie im
Hinblick auf die anstehende Novelle der Klärschlammverordnung wurde
die Belastung der schleswig-holsteinischen Klärschlämme mit
organischen Schadstoffen genauer ermittelt, um eine bessere Grundlage
zur Bewertung der landwirtschaftlichen Klärschlammverwertung zu
erhalten. Dazu wurde im Rahmen einer Studie die Belastungssituation
kommunaler Klärschlämme aus 81 repräsentativ ausgewählten
Kläranlagen bezüglich Schwermetalle, organischer Schadstoffe und
Arzneimittel bewertet. Insgesamt wurden rd. 220 verschiedene
Schadstoffe untersucht. Die festgestellten Schadstoffbelastungen
wurden für die untersuchten Kläranlagentypen
(AWT=Abwasserteichanlagen und KKA=konventionelle Kläranlagen)
mit-tels statistischer Methoden auf mögliche Zusammenhänge zwischen
Kläranlagenmerk-malen, Einzugsgebiet und Untersuchungsergebnissen
ausgewertet.
Generell
lassen die Untersuchungsergebnisse darauf schließen, dass die
schleswig-holsteinischen Klärschlämme - bis auf wenige Ausnahmen -
sehr gering belastet sind. Eine Besonderheit sind regional erhöhte
Kupfergehalte im Klärschlamm, die auf Einträge aus
Hausinstallationen durch korrosives Trinkwasser zurückzuführen
sind. Eine Vielzahl der untersuchten organischen Schadstoffe wurde
überhaupt nicht oder nur bei ei-nigen Anlagen nachgewiesen. Die
Stoffgruppen Moschusverbindungen, Tenside, polybromierte
Diphenylether und einige Pharmaka konnten dagegen ähnlich wie bei
Studien aus anderen Bundesländern bei einigen Klärschlämmen in
auffälligen Konzentrationen nachgewiesen werden.
Untersuchungen
auf Perfluorierte Tenside (PFT) wurden im Rahmen dieses Programms
wegen der zum Zeitpunkt der Untersuchung noch nicht vereinheitlichten
Untersuchungsmethode und wegen der erwarteten niedrigeren Relevanz
bei schleswig-holsteinischen Klärschlämmen nicht durchgeführt.
Allerdings wurden als Nachtrag zum Untersuchungsprogramm an 7
Kläranlagen PFT-Untersuchungen durchgeführt, die alle unterhalb des
Wertes von 100µg/kg TS lagen.
Die statistischen Ergebnisse von
derzeit laufenden PFT-Untersuchungen werden an anderer Stelle
veröffentlicht.
Auffällig sind die unterschiedlichen Schadstoffgehalte in Klärschlämmen aus Abwasserteichanlagen und konventionellen Anlagen. Ursächlich hierfür ist die lange Lagerzeit von 10 bis 15 Jahren der Klärschlämme in Abwasserteichanlagen. Durch die lange Lagerzeit findet ein starker überwiegend anaerober Abbau von organischer Substanz statt, wodurch die Nähr- und Schadstoffgehalte bezogen auf die Trockenmasse nominal ansteigen. Einige Stoffe werden bei diesen Prozessen abgebaut, wodurch die Klärschlämme aus Abwasserteichanlagen hier geringere Gehalte aufweisen. Außerdem finden sich in alten Teichanlagen noch relevante Anteile von Klärschlämmen aus früheren Jahren mit höheren Konzentrationen bestimmter Schadstoffe im Abwasser. Niedrigere Schadstoffgehalte im Vergleich zu größeren konventionellen Anlagen sind nicht verfahrensspezifisch sondern dem meist ländlichen Einzugsgebiet der Anlagen zuzuschreiben. Insgesamt werden auch bei den Teichanlagen in Schleswig-Holstein in der Regel keine erhöhten Schadstoffgehalte erreicht, die einer landwirtschaftlichen Verwertung entgegenstehen.
Ziel und Untersuchungsumfang der Studie
Ziel
der aus den unten näher beschriebenen Teilen A, B und C bestehenden
Studie war die Klärung der Frage, ob die landwirtschaftliche
Klärschlammverwertung in Schleswig-Holstein auf Grund der
ermittelten Schadstoffgehalte aus Sicht der Landwirtschaft sowie des
Boden- und Gewässerschutzes auch zukünftig vertreten werden kann.
Mit umfangreichen statistischen Methoden wurden die
Schlammqualitäten der untersuchten Klärwerke auf mögliche
Zusammenhänge mit dem Einzugsgebiet und mit dem
Schlammbehandlungsverfahren analysiert (Teil A).
Für alle
untersuchten Parameter wurde eine ausführliche Beschreibung der
Stoffe, ihrer Eigenschaften, ihrer Herkunft und ihrer Bedeutung im
System Abwasser-Klärschlamm-Boden-Pflanze zusammengestellt und
entsprechend dem Stand der Kenntnis eine ökotoxikologische Bewertung
vorgenommen. Der sich hieraus ergebende Stand des Wissens wurde in
Verbindung mit Ergebnissen anderer Studien und soweit vorhanden
un-ter Berücksichtigung vorhandener oder vorgeschlagener Grenzwerte
für Klärschlamm oder anderer Kompartimente des Ökosystems als
Bewertungsgrundlage für die in den schleswig-holsteinischen
Klärschlämmen gefundenen Schadstoffgehalte herangezogen (Teil
B).
Den Abschluss der Studie bilden Maßnahmenvorschläge zur
weiteren Verbesserung der Schlammqualitäten (Teil C).
Ergebnisse
Teil
A: statistische Zusammenhänge
Die
Verteilungsmuster der in den Klärschlämmen festgestellten
Schadstoffgehalte wurden mit der Methodik der multivariaten Statistik
untersucht. Es wurde festgestellt, dass sich die Schadstoffmuster der
konventionellen Kläranlagen signifikant von denen der
Abwasserteichanlagen unterscheiden. Für die Schadstoffe Lineare
Alkylbenzolsulfonsäuren (LAS), polyzyklische aromatische
Kohlenwasserstoffe (PAK) und Nonylphenol (NP) wurden höhere Gehalte
und Streuungen bei den Abwasserteichanlagen im Vergleich zu den
konventionellen Kläranlagen festgestellt. Chlorbenzole, bromierte
Diphenylether, Pharmaka und Steroide sind in beiden Kläranlagentypen
gleichermaßen vorhanden, sofern die Gehalte oberhalb der
Bestimmungsgrenze liegen.
Als Einflussgrößen auf die
Schadstoffverteilung wurden bei den konventionellen Kläranlagen die
Schlammstabilisierungs- bzw. Schlammentwässerungsverfahren sowie der
Anteil gewerblicher Einleiter nachgewiesen. Bei den
Abwasserteichanlagen korrelieren das Schlammalter und die Ausbaugröße
mit den Schadstoffgehalten. Darüber hinaus wurde nachgewiesen, dass
bei den unbelüfteten Teichanlagen das Entwässerungssystem sowie das
Schlammalter und bei den belüfteten Teichanlagen die Ausbaugröße
signifikant mit den Schadstoffmustern verknüpft sind.
Bei
konventionellen Kläranlagen mit Saisonbetrieb konnten bezüglich der
Schadstoffgehalte keine signifikanten Unterschiede zwischen Winter-
und Sommerbeprobung ermittelt werden.
Teil
B: Ökotoxikologische Bewertung der Schadstoffgehalte
Zur
Bewertung der im Rahmen der Untersuchung festgestellten
Schadstoffgehalte wurden die jeweils bestehenden oder vorgeschlagenen
niedrigsten und damit schärfsten Grenz- bzw. Orientierungswerte von
geltenden Regelungen auf Bundes- und EU-Ebene sowie Vorschläge aus
anderen Untersuchungsprogrammen angesetzt.
Zur Bewertung der
Schwermetalle sowie der organischen Schadstoffe polychlorierte
Biphenyle (PCB), Moschusverbindungen und polyzyklische aromatische
Kohlenwasserstoffe (PAK) wurde das zum Zeitpunkt der Beauftragung der
Studie vorliegende Eckpunktepapier zur Novelle der AbfKlärV (BMU,
2006) zugrunde gelegt.
Inzwischen liegen neuere
Grenzwertvorschläge für die Novelle der AbfKlärV (Arbeitsdokument
BMU, 2007) sowie Schadstoffgrenzwerte in der Düngemittelverordnung
(BMELV, 2008) vor, die auch in der nachfolgenden Zusammenstellung
herangezogen wurden.
Zur Bewertung der Pharmaka, für die keine
Grenzwerte existieren und über die bislang kaum Angaben über
Gehalte in Klärschlämmen vorliegen, wurde ein Orientierungswert von
100µg/kg TS angesetzt. Dieser Wert leitet sich aus dem Triggerwert
von Tierarzneimitteln im Boden zur Bewertung des Umweltverhaltens von
Tierarzneimitteln nach dem Konzept der europäischen
Arzneimittelagentur (EMEA, 1998) ab.
Liegen die im Rahmen dieser
Studie ermittelten Schadstoffgehalte oberhalb dieser Grenz- bzw.
Orientierungswerte wird von "Überschreitung" gesprochen.
Bei der Interpretation von "Überschreitungs"- Werten
muss zwingend die fachlich-wissenschaftliche Belastbarkeit der zum
Vergleich herangezogenen Orientierungswerte berücksichtigt werden.
Für einen Teil der Schadstoffe existieren Grenzwerte, genormte
Analysenvorschriften und umfangreiche Kenntnisse über das
Umweltverhalten (z.B. Schwermetalle, PCB, PCCD/F, PAK). Die Güte des
herangezogenen Grenzwertes ist hoch und die Überschreitungshäufigkeit
ein belastbares Kriterium.
Für andere Schadstoffgruppen
(Moschusverbindungen, LAS, Nonylphenol, Flammschutzmittel) existieren
auf Bundes- bzw. EU-Ebene Vorschläge für Grenzwerte. Allerdings
fehlen z.T. genormte Analyseverfahren und/oder das Umweltverhalten
und ihre ökotoxische Wirkung ist zwar für das aquatische aber nicht
für das terrestrische System bekannt.
Für die Stoffgruppe der
Pharmaka liegt ein erhebliches Wissensdefizit bzgl. des
Abbauverhaltens und der Wirkung im Boden vor. Überschreitungen eines
wie vor beschrieben formal abgeleiteten Orientierungswertes können
aus diesem Grund nur eingeschränkt beurteilt werden.
Insgesamt
ist bei der Bewertung zu berücksichtigen, dass viele der derzeit
diskutierten Schadstoffe im Klärschlamm bei einer
landwirtschaftlichen Verwertung eine deutlich geringere
ökotoxikologische Relevanz aufweisen als z. B. in Lebens- und
Futtermitteln oder in verschiedensten Bedarfsgegenständen.
Zur
Gesamtbewertung der ökotoxikologischen Wirkung der untersuchten
Stoffgruppen in den Klärschlämmen wurden daher verschiedene
Kriterien und international entwickelte Testverfahren herangezogen.
Maßgeblich für die Bewertung sind u. a. die physikalischen und
biochemischen Eigenschaften der Stoffe, das Verhalten in der Umwelt
einschließlich der biologischen Abbaubarkeit sowie die Toxizität in
den verschiedenen Umweltkompartimenten und evtl. möglichen
Belastungspfaden. Bei der landwirtschaftlichen Klärschlammverwertung
wird der Klärschlamm als Düngemittel auf bzw. in den Boden
eingebracht. Ausgangspunkt der Bewertung ist daher das Verhalten und
die Wirkungen der Stoffe im Boden jeweils unter Berücksichtigung der
zugeführten Mengen und den daraus resultierenden Konzentrationen.
Darauf aufbauend sind die physikalischen und biochemischen
Abbauraten, die mögliche Verlagerung in das Grundwasser und die
mögliche Aufnahme durch die Pflanzen zu bewerten. Zusätzlich ist zu
prüfen, ob durch Bodenpartikel und Bodenstaub Pflanzen, Tiere oder
Menschen unerwünschten Belastungen ausgesetzt werden können.
Die
neuen Grenzwerte bzw. Grenzwertvorschläge aus bestehenden
Regelwerken, die Ergebnisse aus der Studie sowie eine Bewertung
hinsichtlich einer landwirtschaftlichen Verwertung sind in der
nachfolgenden Tabelle für eine Auswahl der wichtigsten Schadstoffe
dargestellt.
Teil
C: Maßnahmen zur Verbesserung der Schlammqualität
Die
Studie bestätigt bereits vorliegende Erkenntnisse wonach eine
Verbesserung der Schlammqualität insbesondere durch die Reduktion
schadstoffbelasteter Zuläufe sowie durch Erhöhung der aeroben
Kontaktzeit zu erreichen ist.
Abhängigkeiten zwischen erhöhten
Schadstoffgehalten und den Entwässerungsverfahren bzw. den
eingesetzten Konditionierungs-, Fäll- bzw. Flockungshilfsmitteln
konnten nicht festgestellt werden.
Weitere Informationen
Die
vollständigen Untersuchungsergebnisse und Auswertungen finden Sie in
der Langfassung.
Bei weiteren Rückfragen und ergänzendem
Informationsbedarf zur landwirtschaftlichen Klärschlammverwertung
wenden Sie sich bitte per E-Mail an:
Regina.Kleinhans@mlur.landsh.de (Klärschlammentsorgung),
Uwe.Schleuß@mlur.landsh.de (Düngemittelrecht),
pboysen@lksh.de (Landwirtschaftliche Klärschlammverwertung, Schadstoffe),
Birgit.Matelski@mlur.landsh.de (Abwasserbehandlung)




