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Rasterfahndung in der Kräuterapotheke
Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum analysieren systematisch die Inhaltsstoffe aus Heilpflanzen der traditionellen chinesischen Medizin, um neue Wirkstoffe gegen Krebs zu entdecken.
Krebs
heilen mit Naturprodukten - ein Fall für Schamanen und
Kräuterweibchen? Keineswegs, denn viele der in der Schulmedizin
verwendeten Chemotherapien gegen Krebs sind Naturprodukte oder wurden
aus natürlichen Ausgangsstoffen entwickelt. So stammen die bei
Prostata- und Brustkrebs eingesetzten Taxane aus der Eibe. Der
beliebte Bodendecker Madagaskar-Immergrün, der viele Vorgärten
ziert, liefert die Vinca-Alkaloide, die etwa bei bösartigen
Lymphomen wirksam sind. Die modernen Krebsmedikamente Topotecan und
Irinotecan sind Abkömmlinge eines Inhaltsstoffs des in China
beheimateten "Happy Tree".
Auf der Suche nach neuen
Wirkstoffen konzentrieren sich Ärzte und Wissenschaftler
zunehmend auf Stoffe aus Pflanzen der traditionellen Heilkunde. Rund
drei Viertel der heute gebräuchlichen natürlichen
Pharmawirkstoffe entstammen Pflanzen der traditionellen Volksmedizin
in verschiedenen Teilen der Welt. Es ist wahrscheinlicher, neue
Substanzen mit interessantem Wirkprofil in traditionellen
Heilpflanzen zu finden als in der Feld-, Wald- und
Wiesenbotanik.
Prof. Dr. Thomas Efferth aus dem Deutschen
Krebsforschungszentrum konzentriert seine Wirkstoffsuche auf die
Heilkräuter der traditionellen chinesischen Medizin, deren
Anwendungsspektrum besonders gut dokumentiert ist. Gemeinsam mit
Kollegen aus Mainz, Düsseldorf, Graz und Kunming in China
startete er eine systematische Wirkstoffsuche in 76 chinesischen
Medizinalpflanzen, denen Heilkraft gegen bösartige Tumoren oder
Geschwulstkrankheiten zugeschrieben wird. Erste Ergebnisse dieser
Studie wurden nun veröffentlicht.
Extrakte aus 18 der
untersuchten Pflanzen hemmen das Wachstum einer Krebszell-Linie in
der Kulturschale deutlich. "Mit dieser Erfolgsrate von rund 24
Prozent liegen wir weit über den Ergebnissen, die bei der Suche
in großen chemischen Substanz-Bibliotheken zu erwarten wären",
erläutert Thomas Efferth.
Die Wissenschaftler trennten in
der Folge alle wirksamen Extrakte immer weiter chemisch auf und
verfolgten die wirksame Komponente nach jedem Trennschritt per
Zelltest.
Die chemische Struktur der Wirkstoffe wird durch
Kernspinresonanz- und Massenspektroskopie aufgeklärt. "Wir
kombinieren hier Naturstoffforschung mit modernsten analytischen und
molekularbiologischen Methoden", erklärt Efferth.
"Besonders vielversprechend erscheinende Pflanzeninhaltsstoffe
werden sofort in weiterführenden Tests untersucht." Dazu
gehören etwa Substanzen aus dem "Rangoon-Schlinger",
einer rot blühenden Zierpflanze, oder aus dem Rotwurzel-Salbei:
Letzterer enthält drei Inhaltsstoffe mit starker
Antitumorwirkung. Die Substanzen hemmten das Wachstum einer
speziellen Tumorzelllinie, die durch die Überproduktion eines
Transportproteins in der Zellwand besonders resistent gegen viele
gängige Zellgifte ist. Ein ganzes Spektrum der Standard-
Krebsmedikamente dagegen versagt bei dieser Zelle.
"Von den
chemisch sehr vielfältigen Naturstoffen sind viele interessante,
noch unbekannte Wirkmechanismen zu erwarten. Derzeit gleichen wir die
Wirksamkeit der Substanzen auf 60 verschiedene Krebszelllinien mit
den Genaktivitätsprofilen dieser Zellen ab. So können wir
feststellen, welche Genprodukte das zelluläre Angriffsziel für
unsere Wirkstoffe sind. Damit lassen sich möglicherweise ganz
neue Achillesfersen der Krebszelle aufdecken", beschreibt
Efferth das weitere Vorgehen.
Thomas Efferth, Stefan Kahl, Kerstin
Paulus, Michael Adams, Rolf Rauh, Herbert Boechzelt, Xiaojiang Hao,
Bernd Kaina und Rudolf Bauer: Phytochemistry and Pharmacogenomics of
Natural product derived from traditional chinese medica with activity
against tumor cells. Molecular Cancer Therapy 7 (1) 2008, Seite
152
Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat die Aufgabe, die
Mechanismen der Krebsentstehung systematisch zu untersuchen und
Krebsrisikofaktoren zu erfassen. Die Ergebnisse dieser
Grundlagenforschung sollen zu neuen Ansätzen in Vorbeugung,
Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen führen. Das Zentrum
wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg
finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher
Forschungszentren e.V.
Weitere Informationen:
Dr.
Stefanie Seltmann, Stabsabteilung Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches
Krebsforschungszentrum
14.02.2008




