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Neubewertung von Abwasserreinigungsanlagen mit anaerober Schlammbehandlung vor dem Hintergrund der energetischen Rahmenbedingungen und der abwassertechnischen Situation in Rheinland-Pfalz
Projektlaufzeit: 01/2010-12/2010
Bearbeiter:
Dipl.-Ing. Oliver Gretzschel
Abwasser und der bei der Abwasserbehandlung anfallende Klärschlamm
stellen in vielen Fällen ein noch ungenutztes Energiepotenzial dar. Die
Wirtschaftlichkeit abwassertechnischer Anlagen wird wesentlich von der
Energieeffizienz und den Klärschlammverwertungs- bzw. -entsorgungskosten
beeinflusst. Ein wirksames Stoffstrommanagement auf der Kläranlage ist
daher gefordert, um die energetischen Res-sourcen des Abwassers bzw. des
Klärschlammes zu nutzen und die zu entsorgenden Klärschlammmen-gen zu
reduzieren, ohne jedoch die Ablaufqualität des behandelten Abwassers
negativ zu beeinflussen. Der hierfür entscheidende Verfahrensschritt in
kommunalen Abwasserreinigungsanlagen ist die Stabilisierung des
Klärschlamms. Hier unterscheidet man im Wesentlichen zwei grundsätzliche
Möglichkeiten: Bei der simultanen aeroben Schlammstabilisierung erfolgt
die Stabilisierung im Verlauf der Abwas-serreinigung. Den
Belebtschlammorganismen wird durch die Bemessung der Belebungsbecken auf
ein hohes Schlammalter (t = 25 d) sowie eine geringe Schlammbelastung
(<=0,05 kg BSB5/kg TS/d) nur wenig Nahrung in Form von BSB zur
Verfügung gestellt. Die Belebtschlammorganismen veratmen zum Überleben
ihre eigene Zellsubstanz. Die organische Substanz im Klärschlamm wird
aufgezehrt und der resultierende Schlamm weist nach der Stabilisierung
eine organische Trockensubstanz oTS von ca. 50 bis 55 % auf. Bei
Bemessung der Anla-gen auf eine gemeinsame aerobe Stabilisierung sind
große spezifische Beckenvolumina (i. d. R. 300 l/E) erforderlich. Das
Verfahren der anaeroben Schlammstabilisierung (Faulung) beruht hingegen
darauf, dass den Belebtschlammorganismen durch die Bemessung der Anlagen
auf ein Schlammalter von ca. 10 bis 12 d resp. eine Schlammbelastung
von 0,15 kg BSB5/kg TS/d relativ viel organische Substanz als Nahrung
zugeführt wird. Hierdurch enthält der abgezogene Überschussschlamm noch
einen hohen Anteil an organischer Substanz; in der Regel ca. 70 %. Der
abgezogene Überschussschlamm wird dann (meist nach einer Voreindickung)
zusammen mit dem Schlamm aus der Vorklärung (Primärschlamm) einem
Faulbe-hälter zugeführt. Hier entsteht in einem 4-stufigen Prozess
Biogas (Faulgas). Dieses kann dann z. B. über ein Blockheizkraftwerk mit
einem elektrischen Wirkungsgrad von 30 bis 35 % verstromt werden. Die
hie-raus resultierende Wärme kann z. B. zur Aufheizung des Schlammes und
des Faulturms genutzt werden. In der Ingenieurpraxis gab es in der
Vergangenheit relativ klare Grenzen, wann das Verfahren der aeroben
Schlammstabilisierung und wann eine Schlammfaulung zu realisieren ist.
Diese Grenzen ergaben sich aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten, wobei
hierbei aufgrund der in der Vergangenheit niedrigen Energiekosten
vorwiegend die Investitionskosten, sowie verfahrenstechnische Aspekten
betrachtet wur-den. Der Einsatzbereich der anaeroben
Schlammstabilisierung in Abhängigkeit von der Anschlussgröße kann Bild 1
entnommen werden. Die Abbildung verdeutlicht, dass bei Anlagengrößen
von < 20 000 EW in der Vergangenheit fast aus-schließlich Anlagen mit
simultaner aerober Schlammstabilisierung konzipiert wurden, während der
Einsatzbereich für Faulungsanlagen erst bei Ausbaugrößen von mehr als
30 000 EW begann. Die in den vergangenen Jahren eingetretenen
Entwicklungen - insbesondere die steigenden Energiepreise, veränderte
gesetzliche Rahmenbedingungen sowie technische Neuentwicklungen im
Zusammenhang mit Biogasanlagen - haben zu einer Verschiebung dieser
vorge-nannten Grenzen geführt und machen somit eine Neubewertung der
Einsatzbereiche für die Schlamm-faulung erforderlich. Dies gilt
insbesondere für Rheinland-Pfalz, wo ca. 681 Kläranlagen mit
Anschluss-größen < 30 000 EW betrieben werden, davon liegen 440
Anlagen bei einer Anschlussgröße von mehr als 1 000 EW. Hierbei ist auch
die Fragestellung zu behandeln, wie Anlagen mit Klärschlammfaulung
inkl. der erforderlichen Infrastruktur wie Faulbehälter, Gasspeicher,
gegebenenfalls Prozesswasserbehandlung usw. im Bereich einer Ausbaugröße
von 10 000 bis 30 000 EW kostengünstig, aber dennoch betriebssicher,
um-gesetzt werden können. Ziel dieser Studie ist es, das in
Rheinland-Pfalz tatsächlich vorhandene und nutzbare
Optimierungspotenzial bei Umstellung von Kläranlagen mit gemeinsamer
aerober Schlammstabilisierung auf Anlagen mit anaerober Schlammfaulung
im Sinne eines integrativen Ansatzes betreffend Energieeffizienz,
Wasser-wirtschaft / Gewässerschutz (Ablaufqualität), Abfallwirtschaft
(Klärschlammmenge) und Wirtschaftlichkeit aufzuzeigen. Das Projekt
besteht aus zwei Modulen. Der vorliegende Bericht umfasst Modul 1, das
grundlegende Untersuchungen beinhaltet. Modul 2 widmet sich anschließend
weitergehenden Untersuchungen, die u. a. eine Analyse und Beschreibung
unterschiedlicher Bau- und Betriebsformen, eine Konzeptentwicklung zur
Umstellung auf Faulungsbetrieb, eine Prüfungsmethodik zur Umstellung
sowie die Untersuchung einer Modellanlage umfassen.
Finanzierende Institution(en): Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz
Partner-Institution(en): Universität Luxemburg,
Siedlungswasserwirtschaft und Wasserbau, Prof. Dr.-Ing. Jo Hansen,
Ingenieurgesellschaft Dr. Sickmann + Partner GmbH
Quelle: http://gandalf.arubi.uni-kl.de/index.php?link=projekte&parea=2&pid=0156




